Evangelische Stiftung Hephata - kopfsache1
http://www.hephata-mg.de - gedruckt am: 29.07.2010 23:56 Uhr
Spendenprojekt
 

Entschuldigung, könnenSie mir vielleichthelfen?

Langsam, zögernd entfernen sich seine Schritte von der Tür. Das wurde aber auch Zeit. Warum muss er mich auch immer kontrollieren? Als wäre ich ein dummes Kind. Und nicht eine 27jährige Frau. Eine 26jährige, mein ich natürlich. Ach ne, 27. Oder? Ich überlege, wann ich Geburtstag habe, gut, das ist soweit klar. Und wenn wir jetzt grade 2008 haben, dann bin ich doch 26. Oder 27? Was für ein Unsinn, wir haben ja schon 2009. Entschlossen fasse ich mit meinen Händen ein letztes Mal tief in das Wasser, wasche mein Gesicht und klettere aus der Wanne. Dann ziehe ich mich an. Stopp, erst noch abtrocknen. Beim letzten Mal hatte ich das vergessen, diesmal passiert es mir aber nicht. Und ein Spritzer Parfum noch. Vielleicht können wir gleich ja endlich mal wieder miteinander schlafen. Das haben wir so lange nicht gemacht.
"Hey Schatz, was gibt es denn Köstliches? Lass mich raten, ich sag Spaghetti mit Meeresfrüchten. Und richtig?" Strahlend, gut gelaunt und völlig erfrischt biege ich um den Küchenvorsprung. So zart wie möglich umarme ich Michael von hinten. Er bleibt stumm.
"Hey, was ist denn los? Bist Du sauer? Ich war doch wirklich nicht so lange oben."
Mit meinen Händen versuche ich vorne sein Hemd aus der Hose zu ziehen, langsam und verspielt. So haben wir das früher immer gemacht. Doch plötzlich wirbelt mein Mann herum und starrt mich völlig entsetzt mit hochrotem Kopf an. Das macht mir Angst.
"Michael, was ist los? Ist was passiert?"
Langsam taumele ich nach hinten, ich muss mich an irgendwas festhalten. Und dann bricht es aus ihm raus: "Merkst Du eigentlich noch was? Weißt Du, wie lange Du in der Badewanne warst?" schreit er mich völlig hysterisch an. "Drei Stunden, ja meine Liebe, drei Stunden. Das sind 180 Minuten um genau zu sein. Und ja, das ist komisch und nein, das ist gar nicht normal. Du sagtest nämlich vor 180 Minuten, dass Du Dich kurz frisch machen wolltest. Und dann wollten wir essen gehen. Weißt Du noch? Essen, weil Du heute 28 Jahre alt geworden bist. Und ich habe uns extra einen Platz beim besten Italiener dieser Stadt reserviert. Auf diese Plätze wartet man Monate mein Schatz. Monate." Wütend steht er vor mir und schnaubt, ich halte mich am Regal hinter mir fest. "Und noch was meine Süße, gib mir mal Deine Hände, komm, gib sie mir. Nein? Du willst nicht?" Hart greift er sich meine Hände, wirft einen kurzen Blick drauf. Dann schweben sie plötzlich vor meinen Augen. "Na, so was schon mal gesehen? Du hast keine Haut mehr an Deinen Händen Katrin, sieh es Dir selbst an! Du hast ja kaum noch Nägel. Und weißt Du, woher das kommt? Das passiert, wenn man 180 Minuten in der Badewanne sitzt Schatz. Oh Mann, hast Du noch irgendwelche Fragen?"
Wütend stößt er meine Arme wieder nach unten, greift nach seinem Weinglas hinter sich auf der Anrichte und atmet tief durch. Stille.
"Ja Michael, eine Frage habe ich wirklich noch: Wie alt sagtest Du, bin ich heute geworden?"

Die heute 29jährige Katrin Meier* stürtzte im Alter von 27 Jahren beim Mountainbike-Fahren auf Mallorca einen Abhang hinunter - sie erlitt neben mehreren Knochenbrüchen ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und lag fünf Tage im Koma. Zurück in Deutschland erholte sie sich schnell von ihren körperlichen Verletzungen. Dass sie manchmal vergaß, sich nach dem Baden abzutrocknen, das erzählte sie niemandem. Auch nicht, dass sie ständig alle Türen öffnen musste, um ihr Schlafzimmer zu finden. Bis sie eines nachts nicht nach Hause kam und ihr Mann die Polizei alarmierte. Eine Streife fand Katrin um drei Uhr morgens im Stadtpark auf einer Bank. Als die Polizisten sie fragten, was sie dort mache, antwortete sie: "Entschuldigung, können Sie mir vielleicht helfen? Ich weiß einfach nicht mehr wo ich wohne."
Heute lebt Katrin Meier in einer Wohngruppe für Menschen mit geistiger Behinderung.** Ihr Mann besucht sie einmal pro Woche. Das ist auch gut so. Viel häufiger würde sie es gar nicht ertragen, ihn zu sehen.

* Name geändert
** Diese Wohnmöglichkeit bietet zwar eine Entlastung für ihre Familie, genau genommen ist sie langfristig aber der falsche Lebensort für Katrin Meier, da sie hier nicht adäquat gefördert werden kann.

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